Die Vielfalt des OLEANDERS

 

"Die Gattung Nerium, deren bekanntester Vertreter N. Oleander L. ist, existierte in Europa schon während der jüngeren Kreideperiode, und zwar war sie damals, wie auch noch während der Tertiärperiode, in Mitteleuropa ebenso wie in Südeuropa anzutreffen. Schon in der jüngsten Tertiärperiode existierte eine unserm jetzigen Oleander verwandte Pflanze in Südfrankreich (Meximieux und Valentine), und  Ferdinand Pax  hat kürzlich aus den tertiären Schichten von Hermannstadt in Siebenbürgen ein Nerium Bielzii beschrieben (Grundzüge Pflanzenverbr. Karpathen II (1908)23). 

Auf Grund dieser Tatsache ist es ganz unmöglich, dass der Oleander erst in historischen Zeiten nach Europa gelangt ist; nur ist seine Nordgrenze infolge der Glazialperiode weiter nach Süden verschoben worden."

 

Der WILDOLEANDER mit der rosa Bluete.

 

Wie der blaue Himmel und das Meer, die heisse Sonne, der Duft der Wildkraeuter und das schrille Lied der Zikade, so gehören auch die leuchtenden rosa Blütenwolken der OLEANDER seit 2000 Jahren zur Schönheit der Mittelmeer-Landschaft. 

Die diesbezüliche Begeisterung kommt aber erst im 20. Jahrhundert in das allgemeine Bewusstsein der Menschen. Damals, nach Ende des zweiten grossen Krieges, beginnt der Massen-Tourismus am Mittelmeer. Es lockt der Süden mit seinem Licht und Farbe. 

'Kennst du das Land, wo die Zitronen blühen . . .'  Diese Reise in den Süden war vor etwa 150 Jahren nur priviligierten Bürgern möglich.  Sie schreiben ihre Eindrücke auf, schwelgen in ihren Erzählungen von der Schönheit der Landschaft, ihrer Flora und Fauna und widmen dabei dem rosa blühenden Oleander viel Aufmerksamkeit. Nur, die Landbevölkerung dieser Regionen, die über Jahrhunderte von ihren Schaf- und Ziegenherden lebt, sie fürchtet die Giftigkeit dieser Pflanze und vernichtet sie, wo immer sie in der Landschaft sichtbar wird. Doch die Pflanze überlebt die Jahrtausende. . .

 

"Wie so manche andere Pflanze dieser Gegenden schwebte er mitten inne zwischen dem Kultur und wilden Stande, d.h. einmal herüber gebracht wusste er sich selbst zu helfen und nahm den Schein eines freien Naturkindes an. So fand ihn schon Plinius; auf den ersten Blick mochte er das Bäumchen eingeboren in Italien halten, aber als er sich auf den Namen besann, der ein griechischer ist ‚Rhododaphni‘ oder ‚Rhododendron . . .“

"Und dann verbreitet er sich im freien Lande, als Ziege und Esel, die Feinde aller jungen Bäumchen, die nichts aufkommen zu lassen pflegen, es verschonen, und von da an leuchten die hellroten Oleanderrosen wie gewundene rötliche Bandstreifen an beiden Ufern der vom Gebirge herabkommenden Wasserrinnen Südeuropas.“

(Die Zitate sind aus 'Kulturpflanzen und Haustiere in ihrem Übergang aus Asien nach Griechenland und Italien sowie in das übrige Europa“ von Victor Hehn, Erstaufl. 1870.) Siehe auch . .

 

Neugierig fragen wir uns hier, wann lernen die alten Griechen ihre „Rhododaphni“ (Rosenlorbeer) nun kennen?  Wie die Schriften berichten, hat Homer und auch Alexander der Grosse den Oleander noch nicht gekannt. Aber als Alexander mit seinem Heer die Sandmeere von Belutschistan durchquert, da treffen die Griechen auf eine Pflanze, die ihrer „Daphni“ (Lorbeer) aehnlich ist. Es kommt zur Katastrophe:   Die Zugtiere aus dem Tross fressen die Pflanzen und sterben. 

Spaeter benennt die Wissenschaft diese Pflanze Nerium odorum, den Oleander, der die Wadis der Wueste mit hellrosa duftenden Blueten schmueckt, aber hoch giftig ist! Diese ueberlieferte Begebenheit beweist nun, dass die Griechen zu dieser Zeit den wilden Oleander aus ihrer Heimat noch nicht kennen. 

Nach der Gruendung seines Weltreiches, hinterlegt Alexander seine Forschungsberichte im Reichsarchiv zu Babylon. Man gibt davon Originale an die gelehrte Welt, doch leider sind diese wertvollen Stuecke verloren. Man findet sie auch in keiner Literatur verwertet. Ausnahme ist Theophrast‘s Pflanzengeografie, die ueber Jahrhunderte der Grundstein unserer Botanik ist. So nennt man Theophrast auch den ‚Vater der Botanik‘. Der Oleander ist hier mit dem Namen „OENOTHERA“ und als Giftpflanze gekennzeichnet.

„Die Entwicklung der Pflanzengeografie ist eine der grossen wissenschaftlichen Ergebnisse des Alexanderzuges. Da entdeckte Alexander der Grosse zu der alten Westwelt eine neue, die Ostwelt, hinzu, und die Pflanzengeografie, fuer die erfolgreiche Behandlung ihrer Fragen so sehr auf die Anschauung moeglichst verschiedener Landschaftsbilder angewiesen, gewann neues Leben. Unschaetzbar war es, dass Alexander selbst in edlem Forschersinne dafuer sorgte, dass wissenschaftliche Beschreibungen dieser neuen Welt erstanden…“

Auszug aus dem Buch „Botanische Forschungen des Alexanderzuges“ von Dr. Hugo Bretzl, Leipzig 1903   

Wie spaeter ueberliefert, steht der Oleander im antiken Griechenland an den Ufern der Fluesse und Meereskuesten. Dort, wo dem Meeresgott Nereus und seinen 50 Toechtern gehuldigt wird, ist die der Rose aehnliche Rhododaphni-Bluete das Opfer auf den Altaeren der Nymphen und im Bluetenkranz. 

Pedanius Dioskurides lebt im 1. Jahrhundert und ist ein griechischer Arzt und Pionier der Pharmakologie. Ausgebildet in Tarsos, dem bedeutendsten Zentrum botanisch-pharmakologischer Forschung im Roemischen Reich. Im Gift des Oleanders sind toxische Glycoside  (Herzglycoside) enthalten. Die „Materia Medica“ von Dioskurides umfasst ca. 1000 Arzneimittel.    

Um 40 n.Ch. bauen die Roemer auf den Ruinen einer karthagischen Stadt ihr westlichstes administratives Zentrum, Mauretanien. Die Bevoelkerung besteht aus Berbern, Juden, Griechen und Syrern, die bis zum Aufkommen des Islam latein sprechen und Christen sind.

Die antike Stadt VOLUBILIS hat ihren Namen von ‚Rodandrum‘ oder ‚Lorandum‘, einem altlateinischen Namen fuer Oleander.  Arabisch wird VOLUBILIS mit ‚Qualili‘ uebersetzt und die Berber nennen die Stadt ‚Alili‘ – die OLEANDER-BLUME.

Faszierend der Gedanke, dass der Oleander mit der rosa Bluete, in der oft wuestengleichen Landschaft Nordafrikas, ueber Berge und Taeler wandert, und das schon einige tausend Jahre. Tief liegende Wasservorkommen spielen dabei eine wichtige Rolle.  

Als im August 79 n.Ch. der Vulkan bei Neapel ausbricht, nimmt eine schreckliche Tragoedie ihren Lauf. Die Landschaft rund um Pompeji wird unter einer etwa 7 m hohen Ascheschicht begraben und so bis in das 18. Jahrhundert vergessen. Mit den Ausgrabungen wird Pompeji zum zentralen Objekt der Archaeologie und Erforschung der antiken Welt. Fresken zeigen den Oleander und man kann beweisen,  dass die Gaerten 100 Jahre alte Oleanderbaeume schmuecken.  

Die leuchtende Bluete des Oleanders praegt die Landschaft rund um das Mittelmeer, da seine jaehrliche grosse Samenmenge vom Wind zum Tanz gefordert wird.  Schwerelos, sich auf ihren Schirmchen drehend, fliegen sie oft weite Strecken, um an den Ufern der Wildwasser neu zu wurzeln. Die Grenze dieser Wanderschaft setzt der Frost. Die heranwachsenden Saemlinge sind das Ebenbild ihrer Eltern und tragen mit Stolz die rosa Bluete des wilden Oleanders.

In KRETA stehen einst dichte Waelder, die die Heimat einer reichen Fauna und Flora sind. Die antike Vegetation, die aus Zypressen, Zedern, Pinien, Kiefern und Steineichen besteht, sie liefert das Holz fuer die Minoische Flotte der Handelsgaleeren und auch fuer die Segelschiffe der Venezianischen Kriegsflotte. Wie ueberliefert, gibt es hier auch Oleander, die zu Baeumen empor wachsen und deren rosarote Bluetenwollken in den Taelern der Weissen Bergen leuchten. Heute ragt der graue nackte Fels in den blauen Himmel und tiefe Schluchten teilen das Bergmassiv, durch die die Mythen der Vergangenheit wehen.    

Doch in der Mitte des Jahrtausends – anno 1547   - bereist der Franzose  Pierre BELON Kreta und das griechische Festland. Er dokumentiert Fauna und Flora; es sind die ersten Forschungsaufzeichnungen in Griechenland. Er ist Apotheker und auf der Suche nach Heilpflanzen.

Am Berg Ida, in der Naehe des Dorfes Chamarachi, findet Belon  einen Oleander mit weisser Bluete. Dieser Fund wird in der Welt der Wissenschaft zur Sensation, da man bis dahin nur eine rosa Bluete am Oleander kennt.

Heute liegen BELON’S Aufzeichnungen in Paris. Hier eine Uebersetzung aus dem Originaltext:

„Das Nerion mit der weissen Bluete blueht im April  am Bergweg nahe dem Dorf Chamarachi in Kreta. Es ist recht schwierig, den westlichen Bergpfad aufzusteigen, denn die Haenge sind steil, fast so gerade wie eine Leiter. Dort gibt es am Bergfuss ein Dorf, von dem man das Steigen anfaengt, man zaehlt 7000 (?) bis an die Spitze. Es scheint, dass der nach Osten liegende Teil milder ist als die anderen, denn ueberall rund um die Bergwurzeln (?) ist die Erde sehr fett und feucht. Dort gibt es eine hohe Zahl an Doerfern und es werden allerlei Sachen gut kultiviert. Obstbaeume, Oliven und Weinstoecke und auf den Feldern pflanzt man alle Arten Gemuese und Getreide.“

Wie ueberliefert, wird der weisse Oleander von Pietro Antonio Michiel nach Venedig gebracht, wo er gepflanzt und vermehrt wird. Ende des Jahrhunderts blueht er auch in London.

1740 gibt es ein „Grosses vollstaendiges UNIVERSAL LEXICON Aller Wissenschaften und Kuenste“, Leipzig und Halle, das folgendes berichtet:  „Oleander-UNHOLDENKRAUT, weil das Gewaechs ein schaedliches Kraut, das Menschen und Vieh toedtet, und ihm derowegen weder Menschen noch Vieh hold ist. Rosenbaum, Rosenlorbeer, Lorbeerrose, weil die Blumen in den Farben der Rosen, die Blaetter aber dem Lorbeerlaube aehnlich sind ….er sieht fast aus, als der Lorbeerbaum….“ Beschrieben ist hier der rosa bluehende Nerium oleander, der wild rund um das Mittelmeer vorkommt und medizinisch genutzt wird. Auch eine weisse Bluete wird erwaehnt.

1753 schreibt Carl von Linne, der Vater und Pionier der Botanik, eine Systematik, nach der alle Tiere und Pflanzen ihren Platz im „Species Plantarium“ bekommen. Die Ordnung ist auch heute gueltig und dient der internationalen Verstaendigung. Der Oleander wird in die Pflanzenfamilie der APOCYNACEAE eingereiht und der Gattung NERIUM zugeteilt. Es gibt nur eine Art mit dem Namen „OLEANDER“

1774 erscheint „Onomatologia Botanica Completa“, das vollstaendige botanische Woerterbuch, worin geschrieben steht:

„Nerium candidis floribus in montibus idea convalibus“ – weisse Neriumblueten wuchsen in den Ida Bergen – bedeutet bei BELONIUS eine Spielart des gemeinen Oleanders mit weisser Bluete, ebenso bei C, Bauhin „Nerium floribus albis“. 

1817 – fast 200 Jahre spaeter - bereist Franz Wilhelm Sieber die Insel Kreta und findet ebenso einen weiss bluehenden wilden Oleander, den man dort  „Galanosphaca“ - den m i l c h -weissen Oleander – nennt (eine Uebersetzung, die Fragen aufwirft). Er berichtet weiter, dass er auf der ganzen Insel, auf welcher es Waelder mit den rot bluehenden baumartigen Straeuchern gibt,  keine einzige weitere Spielart derselben mit weissen Blueten gefunden hat. 

1818 berichtet Gaetano SAVI aus Italien:

"Eine Sorte von weißen Blüten wird angebaut, was auf Kreta spontan auf dem Berg Ida bei Camerachi (Bellonio I., Kap. 16) und 1547 nach Italien gekommen ist. (Mattioli loc. Cit.) Sie behält ihre Farbe auch durch Fortpflanzung aus Samen, und ich habe noch nie gesehen oder gewusst, dass andere sie gesehen haben, dass sie aus dem Samen des gewöhnlichen Mazza von San Giuseppe (=Mittelmeeroleander) aus denjenigen von weißen Blüten geboren sind."

Ueber ein natuerliches Vorkommen dieser weissen Oleander-Spielart findet man heute leider keine Aussage, wohl aber wird sie in alten Aufzeichnungen als Gartenpflanze erwaehnt.

1888 erzaehlt ein griechisches Buch die Geschichte von SFAKIA. Dort, wo die Auslaeufer der Weissen Berge steil in das Lybische Meer abfallen, liegt der eine Teil des Ortes und der zweite Teil von Chora Sfakia schmiegt sich in luftiger Hoehe an die Felsen. Hier bluehen reiche Oleandervorkommen  und die Menschen nennen diese Pflanze „Sphaca“. Moeglich, dass der Ort SFAKIA so zu seinem Namen kommt. 

Wanderer berichten, dass sich in der ARADENA Schlucht noch heute hohe Oleander, Geier und Adler sehen lassen.

Mit der Seefahrt beginnt eine neue Zeit. Den Oleander fuehrt sie in eine Erfolgsgeschichte, die aufregender kaum sein kann……..

 

 

Jänner 2019, Irmtraud Gotsis

 

 

 

Der Oleander aus Indien und sein Einfluss auf den Mittelmeer-Oleander

 

Ein neuer Oleander kommt aus den Weiten Asiens……

 

Europa setzt die Segel und die Suche nach neuen Welten beginnt. Neue Pflanzen sind fuer die Medizin besonders wichtig, da das meiste einheimische Pflanzenmaterial erforscht ist.   So sind die ersten Forschungsreisenden Apotheker und Aerzte, die sich an der Jagd nach dem ‚Gruenen Gold‘ beteiligen und sie wird einige hundert Jahre andauern. Die ‚Pflanzenjaeger‘ bringen eine unermessliche Fuelle an neuen botanischen Schaetzen nach Europa. So geht die Botanik in ihren Urspruengen auf das medizinisch/heilkundliche Studium zurueck.

Oleander Pflanzen aus Indien erreichen Europa.  Die erste Erwaehnung von Nerium indicum und Nerium latifolium  geschieht 1680 bei ihrem Eintreffen in Amsterdam. Die Pflanzen kamen aus Ceylon. Hier auch die entsprechende Abbildung, gezeichnet von Jan und Maria Moninckx

HORTUS MALABARICUS „Garden of Malabar“ beinhaltet die frueheste Niederschrift der Flora Asiens und der Tropen. Geschrieben von Hendrik Adriaan Van Rheed Tot Drakestein, dem Gouverneur von Malabar in einer Zeitspanne von 30 Jahren (1678-1693). Vorzugsweise geben die Buecher (12 an der Zahl) Auskunft ueber die Flora der Westkueste Indiens von Goa bis Kanyakumari und detaillierte der Flora von Kerala.  

Oleander Hortus Malabaricus 1
Oleander Hortus Malabaricus 2

Jan Commelin (1629-1696) verlegt dieses Werk. Er ist selbststaendiger Kaufmann und leitet den Grosshandel von Medizinalpflanzen in Amsterdam und bald auch einen Medizinalpflanzen-Garten, aus dem der „Hortus Botanicus Medicus Amsterdam“ hervorgeht, einer der aeltesten Botanischen Gaerten ueberhaupt. Man steht am Beginn eines gewaltigen Pflanzenimportes nach Europa. Die Niederlaendische Ostindien Companie kann alleine aus ihren Ueberseegebieten viele unbekannte Pflanzen und Keime fuer die Ansiedelung beschaffen. Unter dem Titel „Catalogus plantarum indigenarum Hollandiae“ veroeffentlicht Commelin 1683 die erste Flora der Niederlande.

Allgemein macht das rund um die Welt gesammelte Pflanzenmaterial die Gruendung von Auffangstationen notwendig. Hier wird registriert, geforscht und weiter verteilt. So entstehen in der Folge die ersten Botanischen Universitaeten und ihre Gaerten.

Die Oleander Sorten, die im Laufe der Jahrhunderte aus den verschiedenen Gebieten Asiens nach Europa kommen, sie bringen ‚das indische Blut‘, welches die Bluetenform und –farbe, sowie die Gestalt der SAMENPFLANZEN veraendern kann. Ausserdem ist ein Blumenduft neu, den die Bluete des Mittelmeer Oleanders nicht kennt. Die Wissenschaft sammelt und beschreibt die neuen Oleander Sorten ueber einen langen Zeitraum. Die heutige Technik kann  Botanischen Aufzeichnungen und Pflanzenlisten finden und laesst uns so in der Vergangenheit blaettern. Die damalige Blumenmalerei zeigt so manche Oleander-Bluetenschoenheit. Ein faszinierender Umstand, wenn man bedenkt, wieviele Kriege und Unruhen zu dieser Zeit Europa erschuettern.

1819 gibt das Kaiserhaus Habsburg Oleander-Blumenteller in Auftrag, die spaeter als Dessertteller auf die kaiserliche Tafel kommen, wenn mit Grand Vermeil, der Silberkollektion, gedeckt ist. Einen besonderen Beweis der Beliebtheit von Oleandern finden wir am Gemaelde der Kaiserin Elisabeth von Oesterreich-Ungarn (Franz Xaver Winterhalter 1865 mit Edelweissternen). Oleanderblueten im Hintergrund. Diese hohe Auszeichnung kann man als die Spitze der Oleander-Mode des 19. Jahrhunderts werten.  

Damals, in den 1960iger Jahren, als der Massentourismus am Mittelmeer beginnt, wir zum Grossteil mit Teilstuecken der rosa bluehenden wilden Oleander heimkehren,  steht die Pflanze fuer unsere Urlaubserinnerung. Als Kuebelpflanze erobert sie die Herzen der Mitteleuropaer und ziert bald Gartenterassen und Balkone. Diesen Oleander aus seinen Samen weiter zu vermehren, das war wohl moeglich, doch das Ergebnis enttaeuschend. Die Blueten bleiben rosa, da die Pflanze monotypisch ist, das heisst die Nachkommen sind „elterngleich“. 

In den 1980igern ueberrascht die Muenchner Gaertnerei „FLORA Mediterranea“ mit einem Angebot von 50 verschiedenen Oleandersorten, die neben rosa, rot und weiss, auch Farb-Schattierungen in apricot, lachs und gelb zeigen. Die  Wuchsformen im Habitus und die Duftnoten der Blueten variieren. Wir nennen sie auch die „modernen Oleander“ unserer Zeit, obwohl es wahrscheinlich die letzten aus einer Sorten-Vielzahl sind, die vor Jahrhunderten eingefuehrt und vermehrt, vielleicht auch gekreuzt worden sind. 

Bis heute werden diese bunten neuen Oleander millionenfach aus Steckhoelzern vermehrt. Aus seinen Samen sicher sehr viel weniger, denn es gibt ueber die Besonderheit, die diese Vermehrungsart bringt, keine Literatur. In allen unseren ‚modernen‘ deutschen Blumenbuechern – heute auch im Internet – gibt es keinen Hinweis, welches Feuerwerk an Farben und Formen ueber den Samen moeglich ist. 

Es ist anzunehmen, dass die Botaniker der Vergangenheit die indischen Oleandersorten untereinander gezielt kreuzen. Eine kuenstliche Kreuzung ist bei der Oleanderbluete aber kompliziert und aufwendig. Vielleicht beobachtet man schon frueh, dass Faltern und Motten,  deren lange Ruessel bis in den klebrigen und tief liegenden Nektargrund vordringen koennen - die Biene bleibt hier arbeitslos! – eine gute Alternative sind. Der schoenste Nachtfalter mit seiner rosa-gruenen Pastellfaerbung ist der Daphnis nerii, dessen dicke grasgruene Raupe sich durch das Blattwerk der Oleander frisst. Auch das Taubenschwaenzchen ist ein gern gesehener Gast und erinnert an einen Kolibri. 

Je vielfaeltiger das Bluetenangebot ,  desto wahrscheinlicher die Geburt einer aufregend schoenen Bluete.  Und – aus jedem Samenkorn waechst eine eigenstaendige neue Pflanze, eine neue Sorte, der wir einen Namen geben. Mit ihren Zweigstuecken vermehren und erhalten wir sie.

Zeitgleich, vor etwa 30 Jahren, werden die ersten Oleandersamen – ohne dass wir voneinander wissen - in Ungarn und Griechenland angebaut. Wir koennen Beide auf die Samen der rosa Wildoleander zugreifen. Das Ergebnis sind elterngleich bluehende Samenpflanzen. In Griechenland wird in dieser Zeit eine gefuellt bluehende Sorte (ein ‚Splendens-Typ‘, dessen Wurzeln in Indien liegen)  zur Gartenpflanze und sie verbreitet sich rasch. Verwundert und begeistert stelle ich bei den kommenden Samenpflanzen fest, dass ihre Blueten ganz anders als die des Wildoleanders sind. In Ungarn gibt es aehnliche Erlebnisse. 

Hier liegt – so glaube ich – nun der endgueltige Beweis, dass sich der Mittelmeer-Oleander mit den Sorten aus Indien kreuzen kann bzw gekreuzt hat. Unsere heutigen sogenannten Handelssorten sind das Ende einer Spirale der Vielfalt, die sich schon ueber Jahrhunderte dreht. Heute haben sich viele Oleander Liebhaber – besonders in Ungarn - fuer diese Vermehrungsmethode begeistert und damit „das Rad der Weiterentwicklung“ wieder zum Laufen gebracht. Alleine in Ungarn gibt es tausende neue Bluetenfarben und –formen, in ihrer Gestalt oft verschieden und mit Bluetenduft.

Damit steigt die „Unkrautpflanze des Suedens“ mit einem neuen Gesicht in Erscheinung. Dort, wo man sie einst gerodet hat, dort begehrt man sie nun als Heckenpflanze, fuer den Mittelstreifen auf Autobahnen, fuer Rabatte in Parks und Gaerten, denn sie blueht reich und vielfarbig unter der heissen Sonne der Hochsommermonate. Doch, wie wird die Zukunft aussehen? Werden die neuen Sorten sich in der Natur mit der gleichen Robustheit wie der rosa Wildoleander behaupten und vermehren? Oder darf man fragen: „Endet der  WILDWUCHS der Oleander hier?“  

 

Jänner 2019, Irmtraud Gotsis

 

Die Neu-Schöpfungen: Die neuen  Oleander-Sorten aus dem Garten in Agrili

 

Für eine Vergrößerung auf die Bilder klicken!